BDSM & Tantra: Näher, als du denkst
Angst. Schmerz. Ekel. Begehren. Ekstase. Du hast gelernt, diese Zustände im Zaum zu halten. Ich werde dir das Gegenteil zeigen.
Auf den ersten Blick scheinen BDSM und tantrische Erotik auf zwei verschiedenen Seiten des sexuellen Spektrums zu stehen.
-
Wenn du an Tantra denkst, hast du vielleicht den Duft von Räucherstäbchen in der Nase. Sanfte Musik. Klangschalen. Streicheleinheiten. Atemübungen.
-
Bei BDSM kommen dir wahrscheinlich eher kühle Ketten in den Sinn, Lederpeitschen und der Geruch von Desinfektionsmittel.
Ich will, dass du diese Kategorien hinter dir lässt. Meine Arbeit im sexuellen Raum lässt sich nicht auf simple Schlagworte herunterbrechen. Tantra und BDSM nehmen beide einen Platz in meinem Herzen ein. Beide sind eng miteinander verschlungen, als sich gegenseitig bedingende Aspekte meiner Philosophie.
Wenn du mir begegnest, ist das niemals oberflächlich. Ich werde dich hinabreißen in die Tiefen deines Bewusstseins, wo du ganz bei dir Selbst bist und damit beim Ganzen. Ist es nicht das, was die Menschheit seit Jahrtausenden sucht?
Ich habe in meinem ersten Studium der “Indologie” meine Bachelorarbeit zum Vijñāna Bhairava Tantra geschrieben, einem altindischen Text, der erstaunliche Aussagen über das Göttliche trifft und wie man es erreichen kann:
sarvaṃ dehaṃ cinmayaṃ hi jagad vā paribhāvayet |
yugapan nirvikalpena manasā paramodayaḥ || 63 ||
Man soll darüber meditieren, daß der ganze Körper ebenso wie das Universum von Bewußtsein erfüllt ist – diese Meditation soll gleichzeitig und frei von Vorstellungen mit dem Geist vollzogen werden, dann erfährt man das höchste Erwachen. (Übersetzt von Bettina Bäumer)
Die Ursprünge von Tantra
Die Neo-Tantra-Bewegung hat das Bild der spirituellen, körperlichen und philosophischen Praxis im Westen stark geprägt. Aber Tantra ist so viel mehr als das, was wir daraus gemacht haben.
Tantra ist ein Pfad zur spirituellen Erleuchtung in der (alt-)indischen Philosophie. Im Gegensatz zu vergleichbaren spirituellen Praktiken (wie beispielweise dem Buddhismus) ist das sinnliche Erleben auf der körperlichen Ebene dabei explizit ein Teil der Praxis. Das Schöne am tantrischen Pfad, ist dass der Körper nicht als unrein betrachtet wird, sondern als Tor zum göttlichen Bewusstsein.
jagdhi-pāna-kṛtollāsa-rasānanda-vijṛmbhaṇāt |
bhāvayed bharitāvasthāṃ mahānandas tato bhavet || Vers 72 ||
Wenn man eine überschäumende Freude beim Genuß von Essen und Trinken erfährt, soll man über den Zustand der Fülle meditieren, und die große Freude wird entstehen (Aus dem Vijñāna Bhairava Tantra, übersetzt von Bettina Bäumer).
Sexualität ist nur ein Funke in der ursprünglichen Lehre des Tantra
Das Sinnliche als Ausgangspunkt für eine Meditation ist jedoch keine Ausrede für ziellosen Hedonismus. Die weltlichen Versuchungen locken an jeder Ecke des tantrischen Pfades und drohen uns von der spirituellen Praxis abzulenken. Deswegen gilt Tantra im Vergleich zum Yoga als der gefährliche Weg zur Erleuchtung. Ironischerweise sind genau diese Ablenkungen das, was wir in der Moderne oft unter Tantra verstehen.
Das ist nicht uneingeschränkt schlecht. Modernes Tantra eröffnet vielen Menschen einen neuen Zugang zu ihrer Sexualität. Bauchatmung, geräuschvolles Stöhnen und das Bewusstsein für den eigenen Körper sind Möglichkeiten zur Entspannung und zur Verbindung zu uns selber, anderen Person und dem Göttlichen.
Tantra ist kein Monolith, sondern besteht aus verschiedenen Denkschulen und Ausprägungen. Es ist gleichermaßen Religion, spirituelle Praxis und Lebensphilosophie. Und darin hat auch das moderne, westliche Verständnis der Lehre seinen Platz.
Und was hat das jetzt mit BDSM zu tun?
BDSM ist nichts anderes als intensives Fühlen.
Ob Fesselspiele, Dominanz, Unterwerfung oder Lustschmerz: Alle Praktiken unter dem Oberbegriff dienen dem Abtauchen in eine Gefühlswelt, die sonst oft verschlossen bleibt. Das macht den Reiz an BDSM aus: das Loslassen von Erwartungen und äußeren Zwängen.
Manche Sklaven erleben während der intensiven Momente innerhalb der Session einen Zustand der Entrückung und vollkommenen Fülle. In der Szene bezeichnet man diese Erscheinung als „Subspace“ und vergleicht es mit einer Form von Rausch oder stiller, unbewusster Meditation. Auch die altindischen Texte, wie das Spanda Kārikā besagen, dass intensive Zustände genutzt werden können, um sich mit dem allgegenwärtigen, göttlichen Bewusstsein zu verbinden:
Atikruddhah prahrsto vã kim karomi iti vã misan ||
Dhãvan vã yatpadam gacchet tatra spandah pratisthitah | Kapitel 1, Vers 22
Wenn jemand extrem wütend oder hocherfreut ist, verzweifelt oder hilflos fleht „Was soll ich nur tun?“, oder wer um sein Leben rennt: In all diesen Momenten entsteht ein Zustand der Intensität und man wird verbunden durch die Energie der Schwingung (eigene Übersetzung).
Auch das Aufnehmen der göttlichen Energie spielt eine Rolle im Kontext von Verehrung und Unterwerfung. Wenn du dich mir hingibst, werde ich zu deiner Göttin. Mein Körper kann dir dann göttliche Energie spenden und dich in grenzenlose Zustände versetzen.
Wie ich in meiner Praxis Tantra & BDSM verbinde
Es ist natürlich nicht so, dass du mit einem Fingerschnippen in Ekstase und Erleuchtung verfällst. Wer BDSM & Tantra miteinander verbinden möchte, muss sich die nötige Zeit und Muße dafür nehmen. Meditation und das Erreichen höherer Bewusstseinszustände braucht Fokus und regelmäßige Übung.
Ich bemerke bei vielen meiner Diener, dass sie sehr kopflastig an die Sache herangehen. Ihr Begehren ist geprägt von bestimmten Fantasien oder einem Fokus auf das Äußere: Outfits, Materialien, Spielzeuge. Tausend Gedanken schießen ihnen durch den Kopf: Mache ich das richtig? Warum werde ich gerade nicht hart? Das zwickt, sollte ich etwas sagen?
Wenn wir aber unsere Aufmerksamkeit nach innen richten und jeden Schlag, jedes Streicheln und jedes Gefühl einzeln wahrnehmen, fallen solche Ablenkungen weg. Das Fühlen ist der wichtigere Reiz als das Sehen. Schließ die Augen und nimm wirklich wahr, was da ist. Du wirst viel intensiver spüren, als wenn du die Augen geöffnet hälst.
Zu Beginn einer Session erkläre ich dir kurz die Philosophie und leite dann eine gemeinsame Meditation an. Das kann der Übergang für ein sinnliches, meditatives Spiel sein, bei dem ich dich in die Entspannung führe. Du fällst, tiefer und tiefer, in die Sinneserfahrung. Und du wirst nicht aufschlagen, sondern fliegen. In den Worten des Vijñāna Bhairava Tantra:
kṣutādyante bhaye śoke gahvare vā raṇād drute |
kutūhale kṣudhādyante brahmasattāmayī daśā || Vers 118 ||
Am Anfang und am Ende des Niesens, im Zustand der Angst oder der Trauer, am Rand eines Abgrunds, oder wenn man von einem Schlachtfeld flieht, im Zustand intensiver Neugier, am Anfang oder am Ende des Hungers – alle diese Zustände haben Anteil an der absoluten Realität. (übersetzt von Bettina Bäumer)
Diese erstaunliche Beschreibung beschreibt ein radikales Bild von Göttlichkeit, das ganz wertfrei sowohl alltägliche Gefühle, Grausamkeit und starke negative Emotionen umfasst.
Auf BDSM übertragen heißt es, dass es nicht darum geht, emotionale und körperliche Zustände nur zu erdulden. Ich will, dass du sie ganz bewusst wahrnimmst und dadurch in einen höheren Zustand eintrittst. Wir befreien uns nicht trotz unserer Leiden, sondern gerade deswegen. Sanftes. Lustvolles. Schmerzhaftes. All das gehört zur tantrischen Erfahrung.
kiñcid aṅgaṃ vibhidyādau tīkṣṇasūcyādinā tataḥ |
tatraiva cetanāṃ yuktvā bhairave nirmalā gatiḥ || Vers 93 ||
Wenn man einen Körperteil mit einer scharfen Nadel sticht, dann wird dort das Bewußtsein so Konzentriert, daß man in die Reinheit des göttlichen Zustandes (Bhairava) gelangt (Vijñāna Bhairava Tantra, übersetzt von Bettina Bäumer).
Hättest du gedacht, dass Schmerzen Teil der tantrischen Praxis sein können? Es gibt laut tantrischer Philosophie Nichts, was vom höheren Bewusstsein ausgeschlossen ist.

